Institut für Sportdiagnostik

Diagnostik und Steuerung der Ausdauer im Fußball

Föhrenbach, R., Riese-Steul, M., Schreitmüller-Föhrenbach, U.

Einleitung

Warm-up einer Fußballmannschaft

Warm-up einer Fußballmannschaft

Neben technisch-taktischen Fähigkeiten werden im Fußball besonders Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer für 90-120 Minuten gefordert. Einer guten Ausdauer bzw. hohen aeroben Laufleistungsfähigkeit kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie einer frühen Ermüdung entgegenwirkt.

Wenn bei einem Spieler schon bei geringer bis mittlerer Laufgeschwindigkeit die aus der Sauerstoffaufnahme resultierende Energiegewinnung im Arbeitsmuskel nicht ausreicht, muss er seine Energie aus dem ungünstigen Stoffwechselweg unter Bildung eines sauren Zwischenprodukts, dem Laktat, bestreiten. Eine frühe Laktatbildung wird jedoch durch den Verlust der begrenzt im Muskel in Form von Kohlenhydraten vorhanden Energievorräte begleitet.

Als Folge dieses Vorgangs führt eine lokale muskuläre Ermüdung u.a. zu einem Kraftverlust und im Verbund mit einer zentralen Ermüdung zu nachlassenden koordinativ-technischen Leistungen bis hin zu aggressiven Handlungen (Abbildung 1). Die Verhaltensweisen solcher konditionell, möglicherweise schon primär taktisch überfordeter Spieler sind hinreichend bekannt.

Die kognitive Leistung eines schlecht ausdauertrainierten Schiedsrichters unterliegt bei dynamischem Spielgeschehen natürlich demselben physiologischen Verlauf mit seiner entsprechenden Auswirkung, z.B. in Form von Fehlentscheidungen.

Mit Hilfe der von R. Föhrenbach 1978 in Köln entwickelten aeroben Feldlaufdiagnostik und ihrer praktischen Zuordnung ist es den Trainern möglich, sich ein objektives Bild über die Ausdauerleistungsfähigkeit und -entwicklung seiner Mannschaft zu machen. Dies ist besonders wichtig vor und nach der Saisonvorbereitung, bei einem verletzten Spieler in der entsprechenden Phase seines Rehabilitationstrainings, bei einem neu verpflichteten Spieler und in weiteren individuellen Fragestellungen.

Im Folgenden möchten wir vor allem auf die praxisbezogenen Möglichkeiten einer individuellen Steuerung allgemeiner und spezieller Trainingsmethoden zur Entwicklung der Ausdauer im Fußball mit Hilfe der Parameter Laufgeschwindigkeit, Laktat und Herzfrequenz aufmerksam machen.

Niedrige aerobe Leistung
V
Frühe Laktatbildung
V
V V Frühe
Ermüdung

Lokal muskulär

  • Substratverlust (Kohlenhydrate)

Zentral

  • Nachlassende Konzentration
  • Fehlentscheidungen
  • Technik
  • Agression
V
V
Verletzungsrisiko

Abbildung 1

Testverfahren und sportphysiologische Aspekte

Zum besseren Verständnis des Parameters Laktat und seiner Bedeutung im Sport möchten wir einige physiologische Zusammenhänge beschreiben:

Bei der leichten Ein- oder Auslaufbelastung eines Fußballspielers treten nur geringe Laktatkonzentrationen im Bereich von 1-2 mmol/l auf und die Herzfrequenz erhöht sich etwa um 50 Schläge/Minute gegenüber dem Ausgangswert. Die erhöhte Herzfrequenz sichert den Lauf-Arbeitsmuskeln über eine gesteigerte Sauerstoffaufnahme den erhöhten Energiebedarf zu decken.

Bei zunehmender Laufgeschwindigkeit im Test steigt die Herzfrequenz proportional zur Belastungssteigerung an. Die Laktatkonzentration wird bei einem gut trainierten Spieler jedoch konstant niedrig bleiben oder nur geringfügig ansteigen. Bei einer Laufgeschwindigkeit, die zu einer Laktatkonzentration von 4 mmol/l Laktat führt, kommt es im Organismus zu einem Steady-state-Verhalten: Laktatbildung und -beseitigung befinden sich in einem ausgeglichenen Zustand.

Ein Spieler mit niedriger Ausdauer produziert jetzt schon 5-6 mmol/l Laktat oder noch höhere Konzentrationen im Muskel und muss die beschriebenen ungünstigen physiologischen Reaktionen des anaeroben Stoffwechsels in Kauf nehmen.

Ein Ausdauertraining sollte im wesentlichen unter niedrigen Laktatkonzentrationen von <1,5-2,5 mmol/l (=Fettstoffwechseltraining) und der auf diese Stoffwechselsituation eingestellten Herzfrequenz stattfinden. Bei Dauerbelastungen, die zu mehr als 4 mmol/l Laktat führen, wird eine optimale Anpassung der empfindlichen aeroben Enzyme gestört. Als Folge davon tritt keine nennenswerte Verbesserung der Ausdauer ein. Es zeigte sich anhand vieler Ergebnisse aus eigenen Untersuchungen und Trainingsanalysen, dass das subjektive Wohlbefinden während einer Dauerbelastung die gewünschte und notwendige aerobe Stoffwechselsituation <4 mmol/l Laktat nicht gewährleisten kann, so dass besonders im Profisport auf aussagekräftige objektive Untersuchungen kaum verzichtet werden kann. In unseren Untersuchungsverfahren läuft jeder Spieler meist in der Vierergruppe drei bis vier mal 2000 Meter in jeweils ansteigender Geschwindigkeit. Nach Beendigung jeder Laufstufe wird unproblematisch ein Tropfen Blut aus dem Ohrläppchen zur Laktatbestimmung entnommen und die individuelle Herzfrequenz registriert.

Diagramm der Laktat-Laufgeschwindigkeits-Beziehung

Abbildung 2 Laktat-Laufgeschwindigkeits-Beziehung im Feldstufentest über vier mal 2000 m bei Fußballspielern der 1. Bundesliga. Spieler mit nahezu identischer aerober Leistungsfähigkeit sind in Gruppen (Kreise 1-5) zusammengefasst.

Aus der Beziehung zwischen der zunehmenden Laufgeschwindigkeit und der ansteigenden Laktatkonzentration resultiert eine individuelle Kurve (Laktat-Laufgeschwindigkeits-Kurve, Abbildung 2). Als inter- bzw. intraindividueller Vergleichswert dient die an der aerob-anaeroben Schwelle bei 4 mmol/l erzielte Laufgeschwindigkeit (v4), die bei Fußballspielern im Streubereich von 3,3-4,3 m/s zu finden ist. Spieler mit einer v4 <3,7 m/s besitzen eine niedrige Ausdauer, diejenigen >4,1 m/s eine sehr gute aerobe Kapazität. Im allgemeinen lassen sich innerhalb einer Mannschaft 3-5 Spielergruppen mit annähernd gleicher Ausdauerleistung zusammenstellen und für ein individualisiertes Training nutzen. Die Zeiten, da die ganze Mannschaft ein und dieselbe Geschwindigkeit läuft und damit manche Spieler unterfordert, andere auch überfordert waren, sollten damit der Vergangenheit angehören. Stürmer zeichnen sich im Ergebnis solcher Untersuchungen oft durch eine niedrige Ausdauer aus, da sie aufgrund ihrer genetischen Disposition ähnlich wie Sprinter mit einer schnellkräftigen Muskulatur ausgestattet und aerob begrenzt trainierbar sind. Mittelfeld- und offensive Abwehrspieler mit eher normal verteiltem Muskelfaserspektrum weisen in der Regel höhere Ausdauerwerte auf. Beide biologischen Extreme müssen trainingsmethodisch berücksichtigt werden, wenn es zu Trainingsanpassungen kommen soll.

Trainingspraxis

Für die Vorbereitung auf die neue Spielsaison stehen im Allgemeinen 4-6 Wochen zur Verfügung, in der der oft neue Trainer mit einer ihm konditionell weitgehend unbekannten Mannschaft vor einer sehr schwer zu realisierenden Aufgabe steht. Neben Spielverständnis und Technik sollen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer so entwickelt werden, dass die Mannschaft schon zu Saisonbeginn ein hohes Niveau aufweist und Punkte sammelt. Unter diesem Aspekt gewinnen objektive Untersuchungsverfahren an Bedeutung um den Ist-Zustand der „neuen“ Mannschaft zu erfassen, Defizite zu erkennen und vor allem für jeden Spieler die geeignete Belastungsintensität im Training anzusteuern, die dem individuellen biologischen Stand entsprechend weder Über- noch Unterforderung provoziert. Dies soll anhand eines Einzelbeispiels verdeutlicht werden (Abbildung 3). Der Spieler A. L. wurde im o.g. Testverfahren untersucht und weist eine niedrige Ausdauer (Laufgeschwindigkeit bei einer Laktatkonzentration von 4 mmol/l Laktat, v4 von 3,6 m/s) auf. Die von uns für den Fußball entwickelte Trainingssoftware bietet ihm bzw. dem Trainer fünf verschiedene Trainingsmethoden an, mit denen die allgemeine Ausdauer (Grundlagen-Ausdauer 1, GA 1) trainiert werden kann:

HF- und Laktatkurve
Methode reg. Lauf ext. DL int. DL Tempo-DL ext. Wdhl. ext. Intervalle Intervall-DL
Umfang (km) 3 - 10 7 - 9 6 - 8 4 - 6 1/2/3 2x5x300m/200m 10-15x300/200m
km/h < 10,3 10,3 - 11,0 11,0 - 11,7 ... ... ... ...
t/1000 > 5:49 5:49 - 5:26 5:26 - 5:07 5:02 - 4:51 4:22/4:37/4:46 0:53-0:55/0:35 0:64-0:65/0:42
HF < 136 136 - 144 144 - 153 155 - 160 > 160 ... ...

Abbildung 3 Trainingsempfehlungen im Fußball zur Verbesserung der allgemeinen und speziellen Ausdauerleistungsfahigkeit mit sieben verschiedenen Methoden und ihren entsprechenden Laufgeschwindigkeiten bzw. Herzfrequenzen für eine exakte stoffwechseloptimierte Trainingssteuerung.

  1. Regenerativer Dauerlauf
  2. Extensiver Dauerlauf
  3. Intensiver Dauerlauf
  4. Tempodauerlauf
  5. Extensive Wiederholungen/Tempoläufe

Hinzu kommen zwei speziell aerob wirksame Trainingsmethoden, die auf Grund ihrer höheren Laufgeschwindigkeit der Spieldynamik näher stehen und besonders bei den „Sprintern“ unter den Spielern beliebter als Dauerläufe sind: Die extensiven Intervalle und der Intervalldauerlauf (Grundlagen-Ausdauer 2, GA 2). Als Belastungszeit kommen für die Dauerläufe 15-45 Minuten in Betracht, je nachdem ob es sich z.B. um einen kurzen regenerativen Lauf nach einem Spiel oder um eine volle Trainingseinheit im gut erholten Zustand handelt. Dem Trainer/Spieler stehen zur präzisen Umsetzung der laktatoptimierten Belastung zwei Möglichkeiten zur Verfügung:

  1. Ist die Laufstrecke vermessen, so dass alle 100, 500 oder 1000 m Markierungen angebracht sind, braucht nur die vorgesehene Geschwindigkeit für die gewählte Trainingsmethode überprüft werden, um sicher im gewünschten aeroben Bereich zu trainieren.
  2. Im nicht vermessenen und/oder hügeligen Gelände reagiert die Herzfrequenz sensibel auf den im Arbeitsmuskel vorliegenden Energieverbrauch/-bedarf und kann alternativ oder ergänzend für die ersten vier Trainingsmethoden zur Trainingssteuerung herangezogen werden (Abb. 3).

Im Training der extensiven Wiederholungen (Tempoläufe), extensiven Intervalle und des Intervalldauerlaufs bietet nur die genaue Einhaltung der stoffwechseloptimierten Laufgeschwindigkeit eine Kontrolle in Bezug auf ein effektives Training. Gegenüber denjenigen Belastungsverfahren, die nicht die wissenschaftlichen Gütekriterien erfüllen, z.B. Cooper-Test, Conconi-Test, Bestimmung der maximalen Herzfrequenz etc., bietet die seit Jahren im Hochleistungssport verwandte Methodik der Laktatdiagnostik mit ihren Ergebnissen eine valide Möglichkeit wirksame Trainingsreize auf der vorhandenen und individuellen biologischen Basis in Hinblick auf eine gezielte, systematische aerobe Leistungsentwicklung der Spieler zu setzen.

Literatur

  1. Hollmann, W.,H. Liesen, A. Mader, H. Heck, R. Rost, B. Dufaux, P. Schürch, D. Lagerström, R. Föhrenbach

    Die Ausdauerleistungsfähigkeit der deutschen Fußball-Spitzenspieler. Dtsch. Ztschr. Sportmed. 5, 113 (1981).

  2. Föhrenbach, R., J. Buschmann, H. Liesen, W. Hollmann, A. Mader:

    Schnelligkeit und Ausdauer bei Fußballspielern unterschiedlicher Spielklassen. Schweiz. Ztschr. Sportmed. 34 (1986).

  3. Föhrenbach, R., D. Schmidtbleicher, D. Böhmer et al.:

    Dauerlauf- versus Intervalltraining bei Fußballspielern (Der Einfluss eines metabolisch gesteuerten Dauerlauf- bzw. Schnelligkeitsausdauertrainings auf die aerobe Kapazität, Schnelligkeit und Sprungkraft von Fußballspielern). Dtsch. Ztschr. Sportmed. 4 (1991).