Institut für Sportdiagnostik

Märchen aus der Sportmedizin, Sportwissenschaft und Medienlandschaft

Aus zahlreichen Gesprächen mit zu untersuchenden Sportlern geht hervor, dass leider viele engagierte Freizeit- und Breitensportler von der Werbung oder Berichten in der Laienpresse zu verschiedensten Themen, die ihr Training betreffen, völlig falsch beraten werden.

Das Institut für Sportdiagnostik (IS) erlaubt sich deshalb kritisch zu Gehörtem, Gesehenem oder Gelesenem Stellung zu beziehen und/oder auf wissenschaftlich abgesicherte Quellen zu verweisen.

Falls Sie Anmerkungen oder Fragen zu den hier angesprochenen Themen haben, treten Sie mit uns in Kontakt.

Siehe auch:

Optimales Belastungsprotokoll beim Laktatstufentest

Prof. Dr. Röcker, Kai: Standards der Sportmedizin „Die sportmedizinische Laktatdiagnostik: Technische Rahmenbedingungen und Einsatzbereiche“ Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin Jahrgang 64, Nr. 12 (2013) 367-371.

Röcker empfiehlt (Text und Tabelle 1) in seinem Artikel im Abschnitt: Praktische Implikationen der Laktatkinetik für die Auswahl des optimalen Belastungsprotokolls (Laufen):

  • eine Stufendauer von 3 min und eine
  • Belastungsanstiegsgeschwindigkeit von 2 km/h (0,55 m/s) im Mehrstufentestprotokoll,

weil diese am häufigsten verwandt wird.

IS: Zu diesem Methodikvorschlag erlaube ich mir als Gründer der aeroben Laktatdiagnostik im Freien (Köln, 1978) folgende Bemerkungen:

  1. Eine kurze Belastungsstufendauer von 2-4 min führt zu einer scheinbar höheren „Schwellenleistung“ als ein doppelt oder dreimal solange Stufenbelastungsdauer. Die Begründung liegt in der integrativen Größe des Laktats: D.h. dass es ab dem Zeitpunkt, ab dem es gebildet wird, in Abhängigkeit von der Zeitdauer und der Intensität zu einer mehr oder weniger starken Laktatakkumulation kommt (Zunahme der Laktatbildungsrate/Glykolyse).
  2. Eine große Belastungsabstufung von 0,55 m/s beeinflusst zusätzlich die Höhe der anaeroben Schwelle signifikant zu „besseren/höheren“ Schwellenwerten als eine kleine Abstufung von 0,2-0,3 m/s. Diese wesentlichen methodischen Einflüsse auf das Laktatverhalten wurden umfassend in Heck et al.: Justification of the 4-mmol/l Lactate threshold, Int. J. Sports Med. 6 (1985) 117-130 untersucht und beschrieben.

Wenn es nur um die rein diagnostische Frage geht, ob sich ein Sportler in einer vergleichenden Untersuchung verbessert oder verschlechtert hat, spielt die Methodik keine Rolle. Möchte der Diagnostiker, Sportler oder Trainer jedoch wissen, bei welchen Laktatkonzentrationen/Trainingsmethoden und ihren Laufgeschwindigkeiten/HF trainiert werden soll, empfiehlt es sich jedoch solche Belastungsverfahren zu wählen, bei der der Test z.B. > 35-45 min, also eben so lang wie eine mittlere Trainingseinheit, dauert. Andernfalls kommt es zu einer völligen Fehleinschätzung des Testresultats für die Trainingsumsetzung.

Zur Veranschaulichung möchte ich zwei Tests eines Fußballspielers im Freien (gelbe Symbole) und fünf Tage später auf dem Laufband (rote Symbole) darstellen:

Vergleich Feldstufentest/Labortest

Laktat-Laufgeschwindigkeits-Kurven von einem Fußballspieler im üblichen Micky-Mouse-Laborstufentestverfahren mit kurzer 3-minütiger Stufenbelastungszeit (rote Symbole: Anaerobe Schwelle: 4,0 m/s) und dreimal so langer Belastungszeit im Feldstufentest (gelbe Symbole: Anaerobe Schwelle: 3,73 m/s, siehe Text)

Der Spieler wurde zunächst von mir im Feldstufentest in vier Stufen (8-9 min/Stufe) in 3,03 m/s, 3,33 m/s, 3,7 m/s und 4,0 m/s abschließend belastet – Stufenbelastungsdauer: 8-9 min (Gesamtbelastung: 34:08 min). Die anaerobe Schwelle (V4) betrug 3,73 m/s.

Auf dem Laufband wurde er mit neun 3-minütigen Stufen und einer 0,25 m/s-Abstufung untersucht. Die V4 betrug 4,0 m/s – also um 0,27 m/s höher.

Beurteilung: Obwohl im Labortest eine feinere Belastungsdauer als die sonst üblichen 0,55 m/s (2,0 km/h) verwandt wurde, führt die dreimal so lange Belastungsdauer im Feldtest im Bereich einer deutlichen Laktatproduktion ab 3,5-3,7 m/s zu einem völlig anderen Ergebnis. Trainingshinweise, die aus einer solchen Labor-Micky-Maus-Untersuchung erfolgen, sind zwangsläufig falsch: Während in der Laufbanduntersuchung 2 mmol/l Laktat üblicherweise für ein Grundlagenausdauertraining herangezogen werden, entspricht dies in der Felduntersuchung schon der anaeroben Schwelle, bei der eben insbesondere bei zunehmender V4- und hoher Gesamtstoffwechselleistung kein aerob wirksames Training als Dauerbelastung möglich ist.

Darüber hinaus macht es keinen Sinn, einen Fußballspieler mit bekannt mittlerer Leistungsfähigkeit (V4 >3,5 m/s) anfänglich gehend zu belasten – die ersten drei Stufen sind also sinnlos, da hier nur Laktat eliminiert wird.

Nachdem ich vor fast 40 Jahren wegen dieser und anderer Gründe, die einer laktatoptimierten Trainingssteuerung widersprachen, die Felduntersuchungen gründete, ist es frustrierend, dass die Deutsche Sportmedizin in den OSP und Instituten offensichtlich hier nichts dazugelernt hat.

Auch aus ökonomischen Gesichtspunkten ist eine Felduntersuchung neben den präziseren Aussagen zu bevorzugen, da ein Untersucher mindestens vier Personen zeitgleich testen kann.

Aerolution: „Der beste Fitness-Check der Welt“

Seit einiger Zeit fällt die aggressive Werbung der ACEOS GmbH mit dem Produkt Aeroman/Aerolution/Aeroscan auf, u.a.:

„Der beste Fitness-Check der Welt“ … „Der aeroscan baut auf dem Goldstandard der Sportmedizin, der Spiroergometrie auf“ … etc.

IS: Es gibt in der Sportmedizin keinen einen Parameter, der als Goldstandard bezeichnet werden kann. Der anspruchsvolle und seriöse Untersucher wird in leistungsdiagnostischen Untersuchungen darauf bedacht sein, dass er aus den verschiedenen wesentlichen Funktionssystemen: Atmung (Messung der O2-Aufnahme/CO2-Abgabe), Muskelstoffwechsel (Messung der Blutlaktatkonzentration) und des Herz-Kreislaufsystems (Registrierung der Herzfrequenz) Daten gewinnt und zur Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit und Steuerung der Belastungsintensität im Training heranzieht.

ACEOS GmbH: „Bei einem Laktattest wird der Proband im Stufentest unter definierter körperlicher Belastung ausbelastet.“ - „Beim aeroscan muss der Proband nicht ausbelastet werden und der Test dauert nur wenige Minuten.“

IS: Es ist genau umgekehrt: Im submaximalen Belastungsbereich fällt die Sauerstoffaufnahme für Frauen, Männer, untrainierte und trainierte Personen gleich aus — erst die bei Ausbelastung erzielte maximale auf das Körpergewicht bezogene O2-Aufnahme (ml/min × kg) erlaubt eine differenzierte individuelle Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit (Heck, 1990). Bei der Laktatdiagnostik in Stufentestverfahren kann der Untersucher hingegen im submaximalen Belastungsbereich bei einer Laktatkonzentration von 3-5 mmol/l die Untersuchung abbrechen, da die anaerobe Schwelle (4mmol/l Laktat) als Maß einer maximalen aeroben Stoffwechselleistung erreicht wurde.

ACEOS GmbH: „In der Praxis werden Schwellenmodelle angewendet, die nicht zur vorher durchgeführten Untersuchung passen. Das bekannteste Modell nach Prof. Mader, die sogenannte 4 mmol-Schwelle wurde z.B. ausschließlich für Läufer entwickelt und ist für Radsportler völlig ungeeignet. So werden die Ergebnisse des Sportlers nicht verbessert.“

IS: Falsch: Die anaerobe Schwelle und daraus abzuleitende Vorgaben für eine stoffwechsel-optimierte Trainingssteuerung wurde vor allem sowohl für Laufen, Schwimmen, Rudern Hockey, Fußball und natürlich auch im Radsport entwickelt und seit Anfang der achtziger Jahre bis heute weltweit als Anhaltspunkt für ein maximales aerobes Steady-State verwendet und anerkannt. Dabei soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, das einige Untersucher Ende der siebziger Jahre verkannten, dass die Höhe der aeroben Leistung bei Laktat 4 und vor allem die sich dahinter verbergende Gesamtstoffwechselleistung das entscheidende Kriterium für eine erfolgreiche Einschätzung der Ausdauerleistung und Wahl der richtigen Trainingsintensität ist (Mader, 1986).

ACEOS GmbH: „Der Laktattest darf aufgrund der Blutentnahme eigentlich nur von einem Arzt durchgeführt werden.“

IS: Die Blutentnahmen von der Vene, dem Ohr oder von der Fingerbeere werden bekanntlich von jedem dazu befähigten und/oder delegierten medizinischen Personal vorgenommen. Es entsteht der Eindruck, dass die ACEOS GmbH mit allen auch nicht relevanten Argumenten versucht, ihr Produkt in den Vordergrund zu rücken.

IS: Es bleibt festzuhalten, dass sich die Trainingsanpassungen des kardio-pulmonalen Systems sich bis heute mangels exakter Kriterien und praktikabler Methoden bei sportartspezifischen Leistungsuntersuchungen nicht ausreichend differenziert beurteilen lassen, um allein mit diesen Ergebnissen eine Leistungsdiagnose zur Trainingssteuerung zu ermöglichen.

Ein hoher Anteil aller Trainingsanpassungen vollzieht sich hingegen in der bei der jeweiligen Sportart vornehmlich beanspruchten Muskulatur. Das Problem der allgemeinen Ausdauer ist daher primär ein Problem des muskulären Energiemetabolismus, welches über den Messparameter Laktat derzeit am besten differenziert dargestellt und untersucht wird.

Die aerob-anaerobe Schwelle regiert empfindlicher auf Änderungen der sportartspezifischen Ausdauerleistungsfähigkeit als die Vo2max, bei der erst nach ca. 6 Wochen Anpassungen bzw. Änderungen registriert werden können (Buhl, 1985). Die Bestimmung der aerob-anaeroben Schwelle ist unabhängig von der die maximale Sauerstoffaufnahme beeinflussenden externen Größen wie Motivation und Muskelkraft und ermöglicht darüber hinaus dem Athleten und Trainer konkrete Hinweise für das Training zu geben (Mader, Sportarzt+Sportmedizin 4+5,1976).

Fazit: Wenn die Diagnostik der Ausdauer auf einen Parameter reduziert werden müsste, können wir sagen, dass die Laktatdiagnostik unter dem Aspekt der Trainingssteuerung ohne die Registrierung der O2-Aufnahme auskommt — umgekehrt aber nicht (mündl. Mitteilung Kindermann, 2011, Hartmann, 2013).

Stern: Bessere Fettverbrennung beim Wandern als beim Laufen?

Stern 11/2011: Prof. Dr. K. Bös, Karlsruher Institut für Sport und Sportwissenschaft, Seite 126, Tabelle „Sportarten im Check“: Im o.a. Artikel werden in einer Übersichtstabelle solche Sportarten wie: Wandern, Walking, Joggen, Schwimmen, Radfahren etc. u.a. in Bezug auf den Anteil der Fettverbrennung bewertet. Während für die Disziplinen Wandern und Walking die Fettverbrennung mit 4 Sternen „sehr gut/stark“ die höchste Zuordnung erhält, wird Joggen nur mit 3 Sternen und „gut/deutlich“ bewertet.

IS: Wandern, Walking oder Nordic-Walking sind sicher sehr geeignete Einstiegs-Ausdauertrainingsformen für untrainierte Menschen um anfänglich sicher unter rein aeroben Energieverhältnissen zu trainieren. Allerdings beträgt der Energieverbrauch bei einer Gehgeschwindigkeit von z.B. 5,8 km/h (1,61 m/s bzw. 10:20 min/1000 m) bei minimalen Laktatkonzentrationen ≤ 1,5 mmol/l für eine 70 kg schwere Person bei nur 6 kcal × 70 kg = 420 kcal/h. Der Anteil der Fettverbrennung liegt bei durchschnittlich 45 % (= 189 kcal). Da ein Gramm Fett 9,3 kcal entspricht, verbrennt der untrainierte Walker 189 : 9,3 = 20 g Fett in der Stunde, wobei nur ein Energieanteil von 40–50 % aus den Fetten, der Rest aus den Kohlenhydraten stammt.

Würde diese Person ein Trainingsprogramm aufnehmen und unter den gleichen minimalen Laktatkonzentrationen mit einer Geschwindigkeit von 9,0 km/h (2,5 m/s bzw. 6:40 min/1000 m) laufen können, würden 10 kcal/h × 70 kg = 700 kcal verbraucht. Der Anteil der Fettverbrennung liegt bei durchschnittlich 70 % (= 490 kcal). Also im Gegensatz zum 1. Fall nur 20–30 % Energiegewinnung aus den Kohlenhydraten und 70 % aus den Fetten. Da ein Gramm Fett 9,3 kcal entspricht, werden beim aerob besser Trainierten 490 : 9,3 = 53 g Fett pro Stunde verbraucht.

Fazit: Beim Laufen werden bezogen auf gleiche niedrige Laktatkonzentrationen aufgrund des höheren Energiebedarfs bzw. der höheren Sauerstoffaufnahme 62 % mehr Fette als beim Gehen verbraucht.

(Mader, A.: Gesund, Vital, Schlank
Deutscher Ärzte-Verlag 2001, S. 148–151)

„Nachbrenneffekt“?!

„Im Zusammenhang mit einer angestrebten Gewichtreduktion durch ein gesundheitlich orientiertes Sportprogramm (Kraft oder/und Ausdauer) wird seit einiger Zeit dem sogenannten ‚Nachbrenneffekt‘ eine hohe Bedeutung im Sinne eines zusätzlichen Energieverbrauchs zugeschrieben, da nach Beendigung eines Trainings eine über dem Ruhewert liegende Sauerstoffaufnahme vorliegt.“ (Arciero et al. 93, Haddock et al. 2006, Phelain et al. 2006, u.a.)

IS: In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass in der Anfangsphase jeder körperlichen Belastung vor allem über den Kreatin-Phosphat-Bestand im Arbeitsmuskel sofort Energie für die Muskelkontraktion zur Verfügung gestellt wird. Nach Beendigung der Trainingsbelastung ist daher die Sauerstoffaufnahme im wesentlichen durch die Kreatin-Phosphat-Resynthese erhöht, die jedoch der Belastungsphase/-zeit zugeordnet werden muss. Der berechnete erhöhte Energieumsatz in der Nachbelastungsphase eines normalen Fitness-Programms verschiedener Untersucher beträgt ca. 1 % der Gesamtenergiebilanz/Tag und ist somit vernachlässigbar.

(Vgl.: Baum K, S. Schuster: Der Energieumsatz in der Nachbelastungsphase: Ein wesentlicher Beitrag zur Gewichtsreduktion?
Deutsche Ztschr. Sportmed. Jg. 59, Nr. 5 (2008)).

Prof. Dr. med. W. Kindermann, Saarbrücken: Medizinische Betreuung der Fußballnationalmannschaft

Prof. Dr. med. W. Kindermann, Saarbrücken in Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 6 (2004) 161-162, „Standards der Sportmedizin: Anaerobe Schwelle“: „Definition: Die anaerobe Schwelle liegt im Mittel bei 4 mmol/l Laktat (Heck et. al. 1985) bei Ausdauertrainierten aber meist niedriger.“

IS: Die anaerobe Schwelle (aerob-anaerobe Schwelle, maximales Laktat-steady-state (maxlass) Leistung bei 4 mmol/l Laktat) liegt beim Ausdauertrainierten nicht niedriger als beim Ausdaueruntrainierten, sonst wären die zugrundeliegenden theoretischen Zusammenhänge und experimentellen Begründungen zur anaeroben Schwelle falsch und grundsätzlich nicht auf jeden Menschen übertragbar. Die theoretische Begründung der „Laktatschwelle“ mit Hilfe des Energiestoffwechselmodels von Mader unter Einbezug experimenteller Belege wurde eingiebig in der Habilitationsschrift von Heck dargestellt: Wissenschaftliche Schriftenreihe des Deutschen Sportbundes; Herausgeber: O. Gruppe, K. Heinemann, H. Lenk, F. Lotz, H. Weicker: Hermann Heck: Laktat in der Leistungsdiagnostik, Hofmann Schorndorf, Bd. 22, 1990.

„Gute Marathonläufer absolvieren ihre Rennen im Bereich der anaeroben Schwelle. Deren Laufzeiten können deshalb über die Schwellenleistungsfähigkeit prognostiziert werden. Marathonläufer regionaler Klasse (ca. 3:00 h) laufen mit ca. 95 % der Geschwindigkeit der anaeroben Schwelle.“

IS: Im Marathonlauf kann deshalb keine Laufgeschwindigkeit entsprechend der anaeroben Schwelle oder bei 95 % durchgehalten werden, weil hier schlichtweg ein zu hoher Kohlenhydratumsatz stattfindet. In Ruhe kann von einer Glykogenkonzentration von ca. 98 mmol/l Gl. E./kg Muskelgewicht ausgegangen werden (Costill et al. 1973, Essen 1977, Jacobs 1981, Ivy et al. 1983). Ein gering ausdauertrainierter Sportler (A), der an der anaeroben Schwelle nur mit 50 % an der max. Sauerstoffaufnahme belastet ist, hat eine niedrige Glykogenutilisation von 0,8 mmol/l Gl. E./kg Muskelfeuchtgewicht pro Minute, die für eine Belastungsdauer von 122,5 min bzw. bei einer Laufgeschwindigkeit von 3,7 m/s bis 27,2 km reichen würde.

Der aerob besser trainierte Athlet (B), der an der anaeroben Schwelle wesentlich höher, z.B. mit 75 % an der VO2 max., belastet ist, hat auf das gleiche Laktat bezogen bereits eine Glykogenutilisation von 1,4 mmol/l Gl. E./kg Muskelfeuchtgewicht pro Minute, die nur für eine Belastungsdauer von 70 min bzw. 17,6 km bei einer Laufgeschwindigkeit von 4,2 m/s reicht. Athlet B kann also an der anaeroben Schwelle unter nahezu 100 prozentiger Verwendung von Kohlenhydraten bestenfalls einen Halbmarathon von 21 km bestreiten. Im Marathonlauf muss also eine wesentlich höhere Fettutilisation stattfinden, die nur bei geringeren Laufgeschwindigkeiten mit entsprechend geringeren Laktatkonzentrationen <2 mmol/l gegeben ist.

Literatur: Föhrenbach, R. 1986 s.o. bzw.: Mader, A.: Computersimulation des menschlichen Energiestoffwechsels im Muskel in: Gesund, vital, schlank: Pape, D., R. Schwarz, H. Gillessen; Deutscher Ärzte-Verlag 2001.

„Intensives Ausdauertraining und Tempodauerläufe finden zwischen 90-100 % der anaeroben Schwelle statt. Im Leistungssport erfolgt die Energiebereitstellung bei intensivem Dauerlauftraining bereits mit merklich anaeroben Anteilen (Laktat im Mittel zwischen 3-5 mmol/l).“

IS: Dass ein intensives Dauerlauftraining (ebenso wie ein Marathonwettkampf) auf keinen Fall bei 90-100 % bzw. 3-5 mmol/l Laktat stattfinden darf, wurde schon 1979/80 von M. Noack in einer Längsschnittstudie über 10,5 Monate an 3 Mittelstreckenläuferinnen belegt. (Heck, H., M. Noack, B. Büngener, N. Kunze, W. Hollmann: Veränderungen der Ausdauerleistungsfähigkeit in Abhängigkeit von der Trainingsintensität bei Nachwuchsmittelstrecklerinnen, in: Die trainingsphysiologische Bedeutung der anaeroben Kapazität, Kongress, St. Johann, 1985; Herausgeber: Bachl, N., P. Baumgartl, G. Huber und J. Keul, 1987 bei Brüder Hollinek, Wien). Im Untersuchungszeitraum wurden bei jeder Sportlerin 14 Stufentests auf dem Laufband durchgeführt um das Training immer aktuell und laktatkontrolliert vorgegeben zu können. Während in den ersten 7 Monaten ein Verhältnis von Dauerläufen bei 2 mmol/l zu Dauerläufen bei 4 mmol/l von 20:60 vorgeben wurde, drehte Noack in den verbleibenden 3 Monaten dieses Verhältnis auf 50:30 um. Während die anaerobe Schwelle in den ersten 7 Monaten bei der höchst intensiven Vorgabe persistierte (Mittelwert: 4,16 m/s) ergaben sich schon nach 4 Wochen Dauerlauftraining um 2 mmol/l signifikante aerobe Zunahmen und jeweils weitere aerobe Verbesserungen bei jeder der 3-5 Ausdauertests bis zu einem Mittelwert von 4,72 m/s am Ende der 3-monatigen milden und vernünftigen Belastungsvorgabe.

In vielen eigenen retrospektiven Studien mit Ergebnissen aus Trainingsanalysen und Leistungstests an Mittelstreckenläuferinnen und -läufern ließ sich dieser Zusammenhang immer wieder bestätigen: Intensive Dauerläufe und Tempodauerläufe mit Laktatkonzentrationen von 3-5 mmol/l sind kontraproduktiv für aerobe Leistungsentwicklungen. Lediglich 1-3-km-Tempoläufe (1 × pro Woche) mit dieser metabolischen Beanspruchung können im Verbund mit milden Ausdauerläufen im Langstrecken-/Marathonbereich positive Anpassungen auslösen (Diss. Föhrenbach, Leistungsdiagnostik, Trainingsanalyse und Trainingssteuerung bei Läuferinnen und Läufern verschiedener Laufdisziplinen, Hartung-Gorre, Konstanz, 1986).

Könnte es zutreffen, dass die von Herrn Kindermann betreuten Fußball-Nationalspieler in der Vorbereitung der EM mit diesen zu intensiven Belastungsvorschlägen im Dauerlauftraining konfrontiert wurden?

„Das Maximum der Fettverbrennung - absolut betrachtet - liegt bei 55-72 % VO2 max. […] Dies entspricht dem Bereich des aerob-anaeroben Übergangs (2-4 Laktat). Erst oberhalb der anaeroben Schwelle nimmt der Anteil der Fettverbrennung an der Gesamtenergiebereitstellung deutlich ab. Mithin führt ein Training von ca. 90 % der anaeroben Schwelle auch zu einer maximalen Fettverbrennung.“

IS: Aus den oben dargestellten Zusammenhängen ergaben sich bereits einige Anhaltspunkte, die gegen die Annahme sprechen, dass das Maximum der Fettverbrennung bei 90 % der anaeroben Schwelle liegt. Aus den Simulationsuntersuchungen von Mader geht hervor, dass sich das Maximum der Fettverbrennung niedrigeren Sauerstoffaufnahmewerten bzw. ≤ 1,5 mmol/l Laktat entsprechend ca. 65-70 % zur anaeroben Schwelle befindet. Bei 90 % überwiegt bereits der Kohlenhydratstoffwechsel, bei ≥ 4 mmol/l Laktat ist die Fettverbrennung praktisch auf Null zurückgedrängt. (Mader, A.: Computersimulation des menschlichen Energiestoffwechsels im Muskel in: Gesund, vital, schlank: Pape, D., R. Schwarz, H. Gillessen; Deutscher Ärzte-Verlag, 2001).

FAZ: „Sauerstoffarme Luft“

FAZ, 25.07.2004, Gerd Schneider im Beitrag „Höllenqualen in der Geisterstadt - Höhentraining der Schwimmnationalmannschaft in Sierra Nevada, 2300 m“: „Wer in dünner, also sauerstoffarmer Luft trainiert, zwingt den Organismus dazu, die Sauerstoffversorgung der Muskulatur zu verbessern.“

IS: Der Sauerstoffgehalt der Luft beträgt immer 20,9 Prozent; egal ob in Hamburg auf Meereshöhe, in 3000 oder 8000 m Höhe auf dem Mount Everest. Was sich in dieser Reihenfolge jedoch entscheidend verringert ist der Luftdruck, der mit zunehmender Höhe immer weniger Sauerstoff an die Erythrozyten beim Gasaustausch in der Lunge zu binden vermag (Sauerstoffpartialdruck, PO2), sodass entsprechend auch immer weniger Sauerstoff im Arbeitsmuskel (Energie) abgegeben werden kann bzw. verfügbar ist. Während der PO2 auf NN 149 mmHg in der Trachealluft beträgt, verringert sich dieser Betrag auf 100 mmHg in 3000 m bzw. auf 46 mmHg in 8000 m Höhe und erklärt somit die deutlich reduzierte Leistungsfähigkeit des Menschen beim Training oder Bergsteigen.

Literatur: Körperliche Leistungsfähigkeit in der Höhe, P.O. Astrand in: Zentrale Themen der Sportmedizin, 3. neubearbeitete u. ergänzte Auflage, Springer-Verlag, 1986.

„Alle Erfahrung spricht dafür, dass Athleten nach einem dreiwöchigen Höhentraining für einige Wochen leistungsfähiger sind. Allerdings gibt es bis heute keinen wissenschaftlich fundierten Nachweis für diese Annahme.“

IS: In der Längsschnittuntersuchung von Mader, Hartmann, Hollman: Einfluss eines Höhentrainings auf die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit in Meereshöhe (Zentrale Themen der Sportmedizin, 3. neubearbeitete u. ergänzte Auflage, Springer-Verlag, 1986) an 15 Eliteruderern wurde wissenschaftlich einwandfrei belegt:

Der signifikante Anstieg des Ruhe-Hämoglobinspiegels (Hb) gegenüber dem 1. Test am Anfang des Höhentrainings zum 2. Test am Ende betrug 0,53 %.

Dieser Hb-Anstieg bedeutet eine rund 400 ml/min größere O2-Transportkapazität und damit verbundene um 23 Watt höhere Leistung, die sich in den vergleichenden Ruderegometertests (Gjessing) im Flachlandland vor, am Anfang, am Ende des Höhentrainings und bei Rückkehr ins Flachland nachweisen ließ. Zusätzlich bedeutet eine Zunahme des Hb eine höhere Protein-Pufferkapazität, die bei hoher Ausbelastung im Wettkampf bzw. bei der schnellen Wiederherstellung eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

Dieser positive Effekt auf die Ausdauerleistung kann jedoch nur dann von Sportlern erzielt werden, wenn milde aerobe Trainingsbelastungen (besonders in den zwei ersten Wochen eines Höhentrainings) im Schwimm-, Rad- oder Rudertraining vorgegeben werden. Im Einzelfall kann der Hb-Anstieg 1-2 % mit entsprechend deutlicher Steigerung der Ausdauer- und Wettkampfleistung betragen, es kann aber auch umgekehrt, z.B. auf Grund von Defiziten im Eisenstoffwechsels zu geringen oder keinen positiven Adaptationen kommen.

Running: Trainingsempfehlungen

Running, 01/2003, Projekt „Von Null auf 42“, Seite 59: „Der Dauerlauf im mittleren Lauftempo wird am häufigsten eingesetzt, stellt den besten Kompromiss zwischen Umfang und Intensität dar und macht den Hauptanteil des Trainingsumfangs aus (Intensitätsbereich 2-3 Laktat). Die Dauer spielt sich zwischen 45-90 min ab. In diesem Intensitätsbereich sind die gesundheitlichen Effekte auf Kreislauf und Stoffwechsel am deutlichsten ausgeprägt.“

IS: Ab einer mittleren, guten und sehr guten Ausdauerleistung mit entsprechenden Schwellenwerten von 3,5, 4,5 und >5,0 m/s sind Läuferinnen und Läufer bei 2-3 mmol/ Laktat bereits mit 75-85 % an ihrer maximalen aeroben Leistungsfähigkeit, bzw. Sauerstoffaufnahme belastet. Die dominierende Energiequelle sind die Kohlenhydrate (nicht die Fette) und es handelt sich hier nicht mehr um ein Grundlagenausdauertraining. Eine Laufgeschwindigkeit, die zu 2-3 mmol/l führt, kann noch nicht mal in einem Marathonlauf durchgehalten werden, da es aufgrund des hohen Kohlenhydratumsatz zu einer frühzeitigen erschöpfenden Entleerung kommen würde.

Würde ein Läufer wie o.a. seine „häufigsten“ Trainingseinheiten in diesem Stoffwechselbereich realisieren, würde er bereits nach einigen Tagen im Übertrainingszustand mit erhöhten Harnstoffwerten landen, wie wir es in der Betreuung der Nationalmannschaften im Mittel- und Langstreckenbereich besonders in Trainingslagern leider immer wieder diagnostizieren mussten. Die „gesundheitlichen Effekte auf Kreislauf und Stoffwechsel“ würden bei einem solchen zu intensivem Training abnehmen.

Die Fehlinterpretation von bestimmten Laktatwerten (und der Theorie der aerob-anaeroben Schwelle, Mader 1976) in Bezug auf eine empfohlene Laufgeschwindigkeit ist leider ein seit über 25 Jahren existierendes Übel, welches zusätzlich noch durch methodisch fehlerhaft durchgeführte Laufbanduntersuchungen und die auf dem Markt von reinen Programmierern ohne jegliche theoretische Kenntnisse angebotene Auswertungssoftware verstärkt wird.

Trainingssteuerung mit der OwnZone

Werbung der Firma Polar: „Trainingssteuerung mit der OwnZone: Garantiert richtig trainiert. Die M-Serie von Polar. OwnZone: Individueller kann Training nicht sein.“

IS: Diese Aussage wurde von Schulz et al. an 18 männlichen Probanden in einer Laufuntersuchung hinsichtlich der Trainingsempfehlungen evaluiert. Dabei wurden jeweils drei individuell gesteuerte Dauerbelastungen über 35 min mit der HF der unteren „OwnZone-Grenze“ OZ sowie der oberen Grenzen OZ30 (OZ + 30 Schläge/min) bzw. OZ40 (OZ + 40 Schläge/min) durchgeführt. Die Stoffwechselbelastung beurteilt am Laktatverhalten wurde mit den 3 unterschiedlichen HF-Vorschlägen verglichen. Zusätzlich interessierte die Reproduzierbarkeit der Own-Zone Leistungen (Variation von Tag zu Tag).

Ergebnisse / Schlussfolgerungen:

  1. Die mittleren Laktatkonzentrationen wiesen bei den Dauerbelastungen eine große interindividuelle Variation auf.
  2. Eine individuelle Trainingssteuerung mit der „OwnZone“ ist insbesondere bei hohen Intensitätsvorgaben nicht möglich.
  3. Im Leistungssport ist eine Intensitätssteuerung auf der Basis einer Laktat-Leistungsdiagnostik vorzuziehen.

Literatur: Schulz, H., A. Horn, A. Geiger, P. Arning, S. Fröhlich, H. Heck: Evaluation der Intensitätssteuerung mit der Polar OwnZone™ bei Laufbelastungen; Abstracts: dvs-Symposium, Sektion Trainingswissenschaft, 19.-21.6.2003, München.

Ebenfalls vom oben genannten Symposium:

Die Herzfrequenzvariabilität als Indikator für den Regenerationszustand:

Es wird vermutet, dass die Herzfrequenzvariabilität (HRV) ein geeigneter Parameter ist den Regenerationszustand zu beurteilen (Berbalk 1999, Arvay, S., P. Hofmann 2001). Ziel der Studie war es, die Variation der HRV bei Ausdauersportlern zu bestimmen und zu überprüfen, wie sich das Training auf die HRV auswirkt.

Vier Mittel- und Langstreckenläufer zeichneten im Verlauf einer Saison nahezu jeden Morgen die Herzfrequenz (HF) liegend beat-to-beat auf. Aus gefilterten und trendbereinigten 256 RR-Intervallen wurde eine quantitative Analyse der Pointcare-Plot Parameter SOL (hochfrequente HF-Variation: Vagus) und SOW (niederfrequente HF-Variation: Sympathikus und Vagus) vorgenommen. Trainingsumfang und Trainingsmittel wurden täglich protokolliert und ausgewertet.

Ergebnisse/Schlussfolgerungen:

Es zeigte sich bei den Athleten individuell ein qualitativ unterschiedliches Zeitverhalten im Saisonverlauf mit großer intraindividueller Variation. Nur bei 2 Athleten ließen sich geringe Zusammenhänge zum Trainingsumfang nachweisen. Die HRV weist ein intraindividuell unterschiedliches Reaktionsmuster auf. Es lassen sich keine generellen Aussagen für die Anwendung der HRV zur Beurteilung des Regenerationszustandes ableiten, was die Brauchbarkeit der HRV in Frage stellt, Überbelastungen im Training frühzeitig zu erkennen.

Literatur: Schulz, H., P. Plaaten, U. Hartmann, M. Niessen, R. Wöstmann, V. Grabow, H. Heck.

Krafttraining versus Ausdauertraining?

Werbung eines bekannten Anbieters einer Billig-Fitness-Kette: „Entfernt wurden [aus dem Fitness-Center] auch die Ausdauergeräte wie Fahrräder und Laufbänder. 30 Minuten kreislaufwirksames Training auf dem Laufband erschöpft zu sehr, um danach ein intensives Krafttraining absolvieren zu können. Genauso bleibt nach einem intensiven Krafttraining zuwenig Energie für ein Herz-Kreislauf-Training übrig. Beides, Herz-Kreislauf-Training und Krafttraining sind wichtig. Aber sie gehören nicht zusammen. Herz-Kreislauf-Training draußen an der frische Luft ist ohne Zweifel sinn- und lustvoller als in geschlossenen Übungsräumen.“

IS: Kein Sportler, ob Techniker (Kugelstoßen, Diskus, Speer etc.), Läufer oder Zehnkämpfer (mit Kraft- und Ausdauertrainingsformen) würde auf den Gedanken kommen, sein Krafttraining ohne eine allgemeine Aufwärmung durch ein entsprechendes Herz-Kreislauf-Training zu beginnen. Der physiologische Hintergrund liegt bekanntlich in einer Optimierung der organischen und neuro-muskulären Leistungsbereitschaft. Die Empfindlichkeit der Muskelrezeptoren hängt ebenso wie die Geschwindigkeit nervaler Impulse maßgeblich von einer Zunahme der Temperatur der Körpergewebe ab (Hollmann u. Hettinger, Sportmedizin, Grundlagen für Arbeit, Training und Präventivmedizin, 4. Auflage, Schattauer, 2000).

Ferner kann ein 30-minütiges kreislaufwirksames Training auf dem Laufband keinesfalls erschöpfen, wenn es im aeroben Grundlagenausdauerbereich durchgeführt wurde. Umgekehrt kann auch ein intensives Krafttraining nicht diejenigen Energieressourcen, nämlich Fette und Kohlenhydrate, aufbrauchen, die für ein Herz-Kreislauf-Training als Cooldown notwendig sind.

Ein Herz-Kreislauf-Training ist aufgrund seiner hohen gesundheitlichen Bedeutung zur Bekämpfung der mannigfaltigen Zivilisationserkrankungen mit dem Herzinfarkt als Todesursache Nr. 1 aus dem Fitnesscenter nicht wegzudenken.

„30 Minuten genügen: Unser Programm ist deshalb so effektiv, weil wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Daher benötigen Sie lediglich 30 Minuten, ein- bis zweimal die Woche, für das Training des ganzen Körpers.“

IS: Bei einem ein- bis zweimal pro Woche durchgeführten Trainingsreiz von kurzer Dauer (30 min), besonders für den ganzen Körper, können sich keine nennenswerten Anpassungserscheinungen des Körpers einstellen, diese Meinung widerspricht jeder seit Jahrzehnten bekannten Erkenntnis aus der sportmedizinischen Trainingslehre (Literatur: siehe oben).

Es entsteht vielmehr der Eindruck, dass die Philosophie dieser Fitness-Kette darauf abzielt, dass sich ihre Kunden möglichst kurz im Fitnesscenter aufhalten sollen, damit viele durchgeschleust werden können und/oder, dass dem Fitnesskunden vorgegaukelt wird er müsse nur ein- bis zweimal pro Woche (eine halbe Stunde) trainieren, um seine Ziele erreichen zu können. Welcher unbedarfte Mensch findet diese Aussage nicht äußerst reizvoll und vielleicht wird dadurch der Vertragsabschluss ein kleines bisschen einfacher?

Am 23. Dezember 2001 erhielten wir per E-Mail von Herrn Kieser persönlich eine Antwort auf unsere Anmerkungen und möchten diese ungekürzt wiedergeben:

„Mir wurden Ihre Äußerungen zu ‚einem bekannten Anbieter einer Billig-Fitnesskette‘ übermittelt. Wenn Sie wirklich kritisch sein wollen, bin ich zu einem wissenschaftlichen Diskurs gerne bereit. Ich lege Ihnen die Studien vor, auf welchen die Aussagen in den Texten von Kieser Training basieren. Im Gegenzug zeigen Sie uns auf, worauf Sie sich stützen. So ist es üblich in der Wissenschaft. Auf den Tisch mit den Fakten statt im Dunkeln zu munkeln (bzw. im Netz zu schwafeln). Dass einige Studiobetreiber angesichts des Erfolges von Kieser Training in Europa in Zugzwang geraten, ist nicht neu. Interessant ist jedoch für mich immer wieder, wie unterschiedlich darauf reagiert wird. Es gibt glücklicherweise einige, bei denen das wissenschaftliche Interesse ihren Studiumsabschluss überdauerte (bzw. die Neugierde stärker ist als der Neid), und die deshalb unter Nennung ihres Namens persönlich anfragen, auf welche Daten wir unsere Aussagen stützen. Das würde ich Ihnen auch empfehlen. Prüfen statt ‚raunzen‘ (C. Popper).

(In unseren früheren Werbematerialien haben wir zu den Statements die entsprechenden Studien aufgeführt, bis wir erfahren mussten, dass dies - das Nennen von Studien - in der Werbung in Deutschland, als einzigem Land der Welt, verboten ist).

Zu Ihrer Information: Kieser Training ist kein ‚Fitnesscenter‘, sondern ein auf die Lösung von Kräftigungsproblemen spezialisiertes internationales Unternehmen. Wir bieten zwei Dienstleistungen: Präventives Krafttraining und medizinische Kräftigungstherapie, letztere speziell für chronische Rückenpatienten und Osteoporosepatienten. Die Präventions-Abteilung wird von dipl. Sportwissenschaftlern geleitet, MKT von Ärzten, meist Orthopäden. Ausgeführt wird die Therapie von Krankengymnasten oder Sportwissenschaftlern mit Zusatzausbildung. Kardiovaskuläres Training halten wir für wichtig und empfehlen es. Um die für einen kardiovaskulären Trainingseffekt notwendige Pulsfrequenz zu erreichen, benötigt man jedoch weder ein Studio noch Geräte, sondern vor allem frische Luft. Solche zu verkaufen, vermochte ich mich bislang nicht durchzuringen, denn es gibt sie glücklicherweise (noch) gratis.

Freundliche Grüße

Werner Kieser“

IS: Auch hierauf möchten wir natürlich reagieren:

Die Qualität der Antwort von Herrn Kieser entspricht derjenigen seiner Einrichtungen: Offensichtlich hat Herr Kieser es versäumt, die Literaturliste des Instituts anzuschauen, um festzustellen, dass hier viele eigene Untersuchungen und Ergebnisse in nationalen und internationalen Zeitschriften publiziert wurden und werden. Darüber hinaus sprechen die mehrfachen Zitate der eigenen Befunde im Standardwerk aller Sportmediziner und -wissenschaftler (Hollmann, W., Hettinger, Th., Sportmedizin, Grundlagen für Arbeit, Training und Präventivmedizin, 4. Auflage, Schattauer, 2000) eine deutliche Sprache. Dieses Werk empfehlen wir ihm übrigens dringend, um das auf einen deutlichen Trainingserfolg ausgelegte Mehrsatztraining im Gegensatz zu einem kommerziell orientierten, da zeitsparenden Einsatztraining, kennenzulernen. Dies erscheint besonders wichtig, da Ihre Unternehmen ja auf Kräftigungsprobleme spezialisiert sind. Oder führen Boxer beim Bankdrücken nur einen Satz durch?

Zum Thema Ausdauertraining weiß jeder Mann und besonders jede Frau, dass in den Wintermonaten, nach Büroschluss ab 17 Uhr, wegen der Dunkelheit und ihren Risiken und der Witterung ein Outdoortraining problematisch ist. Um die wichtigste Todesursache Nr. 1 zu bekämpfen, müssen wir deshalb dafür plädieren, dass alle Sporteinrichtungen über entsprechende Cardiogeräte verfügen, um diesem Ereignis und anderen Zivilisationskrankheiten vorzubeugen.

Es gibt natürlich Firmenphilosophien, die auf die Reduktion von Quadratmetern und damit Miet- und Kostensenkung ausgelegt sind und damit wesentlich profitabler arbeiten können. Diese sogenannte Profitabilität zahlt sich aber nur sehr kurzfristig aus, denn wir leben alle von einer langen, zufriedenen und zielorientierten Kundenbindung.

Zitat aus Stiftung Warentest, Ausgabe 1/04 (Leserbrief):

Verboten

Die Instruktoren der Kieser-Studios schreiben vor, dass man an einem Gerät nur einen „Satz“ von maximal 90 Sekunden trainieren soll. Mein Orthopäde und mein Physiotherapeut haben angeordnet, die Übungen auf drei Sätze zu erhöhen. [IS: Sehr sinnvoll!]. In dem von Ihnen geprüften Kieser-Studio in München machte mir eine Trainerin klar, dass das bei Kieser nicht erlaubt sei. Trotz meines Hinweises auf den Rat des Arztes erklärte sie mir, Mehrsatztraining sei verboten. Später verweigerte mir die Trainerin die Rückgabe meiner Kieser-Karte und legte mir einen Aufhebungsvertrag vor.

Volker Krätschmar (per E-Mail an Stiftung Warentest).

Praxis der Laktatmessung

Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, Jahrgang 52, Nr. 1 (2001), Seite 33: „Praxis der Laktatmessung“, Absatz: „Methodenbedingte Messgenauigkeit…“, die Autoren: „Die Fehlermöglichkeit durch ein unkorrektes Probenvolumen (20 µl Kapillarblut) ist insbesondere bei der Verwendung von sogenannten „End-to-end“ Glaskapillaren zur Begrenzung des Probenvolumens als gering einzuschätzen.“

IS: Das Gegenteil ist der Fall: Die beschriebenen 20 µl „End-to-end“ Glaspipetten haben bei der geringen Länge von 2,8 cm einen relativ großen Durchmesser, im Verhältnis zu einer normalen 20 µl und 6,2 cm langen mit einem Abgleich-Eichstrich versehenen Glaspipette. Beim Füllen der End-to-end Glasröhrchen kann es deshalb an beiden Enden zu einer deutlichen Überhöhung oder Verminderung der präzisen Blutmenge kommen. Der Messfehler beim Abgleichen ist hier also gegenüber der nur mit einem Eichstrich versehenen langen Kapillare mehr als doppelt so hoch. Ergebnisse aus vergleichenden Untersuchungen bestätigen erhebliche Abweichungen, sodass erfahrene Untersucher seit Jahren nicht mit den End-to-end Glasröhrchen arbeiten, auch wenn sie kostenlos von der Firma, die die Probengefäße liefert, beigefügt werden.

Absatz: „Einflussfaktoren auf die messbare Laktatkonzentration im Blut“, die Autoren: „Je höher die Änderung der Belastungsintensität [Gemeint ist die Belastungsanstiegsgeschwindigkeit, z.B. im Laufbandstufentest] und je deutlicher sich die Laktatproduktion ändert, desto deutlichere Konzentrationsdifferenzen können sich zwischen den einzelnen Kompartimenten ergeben [Gemeint sind Intra- bzw. Extrazellularraum]. Auf Grund dieser Konzentrationsdifferenzen erscheint es notwendig eine minimale Zeitdauer von mindestens 3 Minuten Belastungsdauer bis zum Erreichen eines Equilibriums zu gewährleisten.“

IS: Eine Belastungsdauer von 3 Minuten in Stufentests ist nur dann ausreichend, wenn die Fragestellung im Retest lautet: Hat sich die Ausdauer verbessert, verschlechtert oder ist sie gleich geblieben? Wenn über die Laktat-Leistungs-Beziehung eine Trainingssteuerung erfolgen soll, kommt es bei einer solch kurzen Belastungszeit zu einer deutlichen Überschätzung von >0,4 m/s an der aerob-anaeroben Schwelle im Vergleich zu längeren Belastungszeiten (Literatur: Heck, Föhrenbach, Vassiliadis). Der Grund liegt u.a. in einer zeitabhängigen Laktatbildungsrate, die z.B. beim Hochausdauertrainierten schon bei Belastungen, die zu 1,5-2 mmol/l Laktat im Stufentest führen, sehr markant ist und bereits oberhalb des maximalen Laktat-steady-states in einem längeren Dauerlauf liegen kann.

Unter diesem Gesichtspunkt sollte mit möglichst langer Belastungsstufendauer von 10 Minuten getestet werden.

Seite 34, die Autoren: „Am Finger werden höhere Laktatwerte gemessen als am Ohrläppchen.“

IS: Falsch, sowohl in der Fingerbeere als auch am Ohr handelt es sich um arteriallisiertes Mischblut. Vergleichende Untersuchungen führen zu nichtsignifikanten Unterschieden.

Literatur: Dietze, A., R. Donath, K. Rockstroh: Vergleichende Untersuchungen der Laktatkonzentrationen in Blutproben aus verschiedenen Entnahmestellen. Med. u. Sport 12, 370 (1974).

Ausdauersteigerung durch Sprinttraining?

Sport-Forum, Darmstadt, 21.11.2000, der Referent: „Ein Ausdauersportler kann Steigerungen durch ein Sprinttraining erzielen. Dies wird durch die Erkenntnis gestützt, dass Topausdauerathleten die 100 m fliegend in 10,5/10,6 sec meistern.“

IS: Wenn Topausdauerathleten die 100 m fliegend in 10,5 sec laufen liegt dies daran, dass sie neben der höheren Ausdauer von der genetischen Disposition (Muskelfaserzusammensetzung) her einen höheren Anteil an schnellkräftiger „fast-twitch“ Muskulatur besitzen als der etwas schlechtere Ausdauerathlet. Ein dosiertes Sprinttraining kann dem Sportler der Langzeitausdauer positive Reize für Wettkämpfe im Unterdistanzbereich liefern; umgekehrt wird er z.B. im Marathonlauf durch umfangreiche Sprinttrainingseinheiten eher schlechter laufen, da die oxidative Kapazität (Ausdauerleistungsfähigkeit) ingesamt abnimmt, wenn die glykolytische Kapazität (Anaerobe Leistungsfähigkeit) zunimmt.

Individuelle Laktatschwelle?

Runners World, 7/99, Seite 38; Sportmediziner aus Tübingen zum Thema „Anaerobe Schwelle im Rahmen der Leistungsdiagnostik“: „Inzwischen besteht immerhin Einigkeit darüber, dass die Laktatschwelle nicht bei einer fixen Laktatkonzentration wie 2 oder 4 mmol/l angegeben werden kann, sondern individuell berechnet werden muss. Der Hauptgrund hierfür ist, dass die Laktatkonzentration bereits in körperlicher Ruhe großen Schwankungen unterliegen kann.“

IS: Drei Punkte dazu:

  1. Der Autor gibt selber bei seinen leistungsdiagnostischen Ergebnis-Ausdrucken für den Sportler die Leistung, z.B. Laufgeschwindigkeit bei 4 mmol/l Laktat, also an der aerob-anaeroben Schwelle, an. Und dies ist richtig so, weil weltweit anerkannt ist, dass der Mensch bei 4 mmol/l Laktat ein Gleichgewicht (steady-state) zwischen Laktatbildung und -beseitigung aufweist und z.B. die dazugehörige Leistung in einem Halbmarathonlauf durchhalten kann. Dass er demzufolge diese mit hohem Glykogenverlust einhergehende Leistung nicht im Grundlagenausdauertraining erbringen kann, versteht sich von selber und ist seit 20 Jahren bekannt.
  2. Vor 10 Jahren wurden die zahlreichen individuellen Schwellenkonzepte von H. Heck kritisch untersucht. Das Ergebnis lautet: Alle Konzepte kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, deshalb kann kein „individuelles Verfahren“ stimmen. Diese verwandten mathematischen Verfahren können das physiologische individuelle maximale Laktat-Steady-State nicht angeben.
  3. Die nahrungsbedingt (Säure-Basen-Haushalt) unterschiedliche Laktatkonzentration im Blut hat absolut nichts mit irgend einer Laktatschwelle zu tun. Nach einem gemessenen Ruhewert von z.B. 2 mmol/l wir es bei einem mittel- bis gut trainierten Läufer bei der 1. oder 2. milden Belastungsstufe von hinreichender Dauer (> 5 min) und 55 - 65 % an der max. Sauerstoffaufnahme bei höherer Oxidation bzw. Laktatelimination in Übereinstimmung mit vielen eigenen Befunden zu Laktatkonzentrationen von nur 1 - 1,5 mmol/l kommen (Belcastro und Boonen 1975, Föhrenbach 1986). Dieser physiologische Zusammenhang erlaubt es auf gar keinen Fall, einen Laktat-Ruhewert von einem später unter hoher Belastung gemessene abzuziehen. Der Denkansatz des oben genannten Autors ist seit Jahren leider völlig falsch.

Mit Pulsmesser zum aeroben Training

Artikel auf der Homepage eines Herzfrequenz-Messgeräte-Herstellers: „Fitnesstest für Ausgeschlafene: Die finnische Firma […] hat einen Pulsmesser entwickelt, der die maximale Sauerstoffaufnahme misst […] außerdem kann man mit dem Gerät die aerobe und anaerobe Schwelle näherungsweise bestimmen. Der Test wird zu Hause im Bett oder beim Warmfahren durchgeführt mittels eines in der Uhr befindlichen Programms, welches die Abstände zwischen den Herzschlägen misst - die sogenannte Herzfrequent-Variation […] Diese Variation messen die neuen Geräte der M-Serie. Je größer die Anstrengung wird, desto geringer wird die Variation. Auf diese Weise kann der Pulsmesser die OwnZone, die Zone eines angemessenen aeroben Trainings bestimmen.“

IS: Die Angaben wurden in mehreren vergleichenden Untersuchungen an Läuferinnen und Läufern überprüft und führten nicht annähernd in einen „angemessenen“ aeroben Trainingsbereich.

Fazit: Weder mit einer Registrierung der Herzfrequenz noch mit der Ermittlung der Zeitintervalle zwischen den Herzfrequenzschlägen lassen sich Rückschlüsse auf ein Training im aeroben Stoffwechselbereich ziehen.

Maximale Herzfrequenz

Häufige Frage zu untersuchender Sportler: „Wird denn bei der Leistungsdiagnostik auch die maximale Herzfrequenz bestimmt?“

Gelenkschonend laufen

Während einer von uns durchgeführten Felduntersuchung: „Herr XY, haben Sie ein orthopädisches Problem oder warum knicken Sie beim Laufen so mit den Knien ein?“

Läufer: „Ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass man auf diese Weise gelenkschonender laufen soll.“

IS: Die Dämpfungssysteme moderner Laufschuhe, besonders in Verbindung mit einer guten Sporteinlage, genügen völlig aus, um das Knie- und Sprunggelenk ausreichend zu dämpfen. Bei jedem Bodenkontakt liegt immer eine rund 7-fache Belastung auf dem Gelenk vor, egal in welcher Technik der Bodenkontakt erfolgt. Es macht deshalb keinen Sinn sich einen „gelenkschonenden“ Laufstil anzueignen. Wesentlicher ist die Wahl der Bodenbeschaffenheit: Eine Mischung aus Wald- und Asphaltboden erscheint sinvoll, wenn ein City-Marathon bestritten werden soll.

Genaue Herzfrequenz

Sportarzt aus dem süddeutschen Raum: „Sie müssen genau bei dieser Herzfrequenz in Höhe von … trainieren, ein Schlag höher oder tiefer ist falsch.“

IS: Das Herzfrequenzverhalten wird durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren moduliert. Wenn Ihnen vor dem Training z.B. der geliebte Kanarienvogel eingegangen ist, wird die Herzfrequenz durch die aktiven Stresshormone unter Umständen auf über 25 Schläge/min gegenüber Ihrer üblichen Trainingsherzfrequenz beschleunigt. Allein die Zunahme der Bluttemperatur, vermittelt durch eine hohe Umgebungstemperatur, führt im Laufe eines Dauerlaufs oder Wettkampfs zu einem ansteigenden Herzfrequenzverlauf.

Nüchtern trainieren

Derselbe Sportarzt in Stern Nr. 23/2000: „Wer nüchtern trainiert, zwingt den Körper, Fett zu verbrennen, weil nur wenig vom schnell verfügbaren Zucker im Körper kreist.“

IS: Der Körper greift, ob mit oder ohne Frühstück, immer zuerst die für ihn zugänglichste und am leichtesten aufspaltbare Energiequelle an und das sind die Kohlenhydrate (Glykogen), die im Muskel und Leber gespeichert sind. Bei einer aeroben Belastungsintensität besteht jedoch immer eine gemischte Energiebereitstellung. „Voll auf den Fetten“ läuft man nur dann, wenn z.B. bei einer zu schnell angegangenen Marathon-Laufgeschwindigkeit bei Kilometer 30-35 die Kohlenhydrate nahezu aufgebraucht sind und der Sportler das Rennen nur noch mit deutlich reduzierter Laufgeschwindigkeit und mit erheblichen Missempfindungen fortsetzen kann (wenn überhaupt).

Adrenalin produzieren

Derselbe Sportarzt in Stern 23/2000: „Wenn Sie sich ärgern, produziert der Körper 30 Minuten lang Adrenalin.“

IS: Adrenalin wird als Folge einer psychischen Stimulation (Freude, Angst, Ärger) spontan und nur für Sekunden (keinesfalls 30 Minuten lang) ausgeschüttet.